Alpenüberquerung auf dem E5 – Interview mit Christian

E5 Alpenüberquerung
Wandern auf dem E5 © Christian Pötzsch

An allgemeine Informationen und Tipps kommt man leicht – doch an Erfahrungen anderer? An Eindrücke und Erlebnisse? Das geht nur durch Erfahrungsberichte – oder wie in diesem Fall – durch die Erzählung anhand von Fragen. Christian Pötzsch ist bereits öfter den E5 gewandert, so auch dieses Jahr in Begleitung von drei Mitwanderern. Er ist erst vor wenigen Wochen zurückgekommen. Lest selbst, was er auf seiner Alpenüberquerung erlebt hat:

Bevor Du uns von Deiner Wanderung auf dem E5 berichtest, möchten wir etwas über Dich erfahren. Sag uns bitte ein paar Worte zu Dir und warum es dich in die Alpen gezogen hat?

Ich komme ursprünglich aus Berlin und hatte mit Bergen und Wandern salopp gesagt nix am Hut. Aus beruflichen Gründen kam ich vor ein paar Jahren nach München. Durch die Nähe zu den Alpen und als jemand, der sehr sportbegeistert sowie gerne in der Natur unterwegs ist, habe ich hier meine Leidenschaft für das Wandern und die Berge entdeckt. Ich mag den Facettenreichtum, den eine Wanderung in den Alpen bieten kann. Da ist einerseits die körperliche Herausforderung bei anspruchsvollen Etappen und da sind andererseits die herrlichen Eindrücke und die Ruhe und Ausgeglichenheit, die ich dabei verspüre. Für mich ist ein Trip in die Berge immer wie ein Mini-Urlaub vom Alltag, der auf wundersame Weise den körperlichen und seelischen Akku wieder auflädt und einem dadurch sehr viel gibt. Dieses Phänomen begeistert und motiviert mich stets aufs Neue, den Alpenraum und die vielen Möglichkeiten auf den verschiedenen Etappen des E5 immer wieder neu zu entdecken.

Bist Du Mitglied im Deutschen Alpenverein? Wenn ja: Hältst Du das für die Alpenüberquerung für sinnvoll? Wenn nein: Was hat Dich bewogen, Dich dagegen zu entscheiden?

Grundsätzlich ist die Arbeit des DAV sehr wichtig. Für die Alpenüberquerung halte ich die Mitgliedschaft vor allem wegen des Versicherungsschutzes für interessant. Die Vergünstigungen auf den Hütten sind natürlich auch nicht schlecht, aber je nach Sektion und genereller Wanderlust lohnt sich das nicht immer. Letztendlich muss das jeder für sich entscheiden. Ich bin (noch) kein Mitglied. Ich habe mich im Vorfeld einfach mit zu vielen anderen Themen beschäftigt und der Mitgliedschaft keine allzu hohe Priorität eingeräumt, da die Alpenüberquerung auch ohne sie zu bewerkstelligen ist. Eigentlich wollte ich den Beitritt auf einer der Hütten noch nachholen, aber irgendwie waren dann das Abendessen bzw. die Dusche und das Bett doch immer wichtiger.

Wann und wo ging das Abenteuer für Dich los? Bist Du morgens nach Oberstdorf angereist und direkt zur Kemptner Hütte aufgestiegen?

Gedanklich ging das Abenteuer bei einer Wanderung durch die Negev-Wüste in Israel los, da hier der Plan gefasst und festgezurrt wurde. Praktisch ging das Abenteuer dann am Münchner Hauptbahnhof los. Denn unsere Wandergruppe (3 Mädels und ich) sind von dort aus mit dem Bayern-Ticket in der Früh nach Oberstdorf aufgebrochen. Unser erstes Ziel war die Kemptner Hütte.

E5, Alpenüberquerung, Transalp
Gemeinsam über die Alpen © Christian Pötzsch

Tipp: Christians Mitwanderer haben einen persönlichen Tourenbericht über ihre gemeinsame Tour geschrieben, mit weiteren tollen Bildern und kurzen Videosequenzen: www.alpenspaziergang.de

Wie bist Du von Meran zurückgereist?

Die Rückreise von Meran war sehr einfach. Sie ging mit dem Fernbus direkt zum ZOB in München.

Bist Du die klassische Route in sechs Etappen gegangen mit Übernachtung auf der Kemptner
Hütte, Memminger Hütte, Skihütte Zams, Braunschweiger Hütte und Martin-Busch-Hütte?

Absolut korrekt. Bei meiner Recherche bin ich immer wieder auf diese Routenvariante gestoßen. Ich dachte mir, was sich scheinbar schon so oft bewährt hat und die anderen Wanderer begeistert hat, kann ja so schlecht nicht sein.

Welchen Eindruck hattest Du von den Hütten, in denen Du Station gemacht hast und wie hast Du die Atmosphäre dort jeweils erlebt?

Dafür, dass die Hütten oftmals an sehr abgelegenen und teils extremen Orten liegen, haben alle ein seltsam heimeliges Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit vermittelt; quasi als zivilisatorische Außenposten in einer schönen, aber für den Menschen auch unwirtlichen Bergwelt. Anders gesagt, wohlgefühlt habe ich mich überall, geschmeckt hat es ebenfalls und geschlafen habe ich wie ein Stein.

Wie würdest Du die Stimmung unter den Wanderern insgesamt beschreiben?

Insgesamt hervorragend. Alle haben ein ähnliches Ziel und teilen die Begeisterung für die Berge. Das verbindet natürlich und sorgt zumeist für ein kameradschaftliches und hilfsbereites Klima unter eigentlich wildfremden Menschen. Man tauscht sich immer gerne aus, unterstützt sich mit Tipps und teilt Anekdoten miteinander.

Wie erging es Dir mit Deinem sicherlich schweren Rucksack? Hast Du ein paar Kilometer gebraucht, bis Du Dich daran gewöhnt hattest?

Um ehrlich zu sein eigentlich nicht. Aber das lag auch an der Vorbereitung, in der das Wandern mit diesem schweren Rucksack schon erprobt und generell der Fokus auf eine gute körperliche Fitness gelegt wurde. Klar ist es dann live und in Farbe nochmal etwas anderes. Aber ich fand, dass sich der Körper schnell daran gewöhnt hat und irgendwann war das Extragewicht völlig selbstverständlich. Klug und eher sparsam packen sollte man aber sicherlich trotzdem.

Kamen unterwegs auch einmal Zweifel auf und der Gedanke, früher abzubrechen?

Die Füße haben sich abends schon immer ziemlich gefreut, aus den Stiefeln und damit in den wohlverdienten Feierabend zu dürfen. Ernsthafte Zweifel gab es aber nie. Alle Etappen waren auf ihre Art sehr schön und hatten tolle, individuelle Highlights zu bieten. Da hatten etwaige Gedanken, die Tour abzubrechen eigentlich nie den Hauch einer Chance. Wir hatten aber auch Glück mit dem Wetter und wurden von Verletzungen und dergleichen verschont.

Wie hast Du die Ausgesetztheit in der Natur erlebt?

Ich empfand sie als Hochgenuss. Es ist ein sehr willkommener Kontrast zum Alltagstrubel in der Stadt. Man ist dort draußen oftmals so herrlich alleine in der weiten Einsamkeit. Das ist einfach wunderbar zum Abschalten. Zugleich wird man dadurch auch geerdet, weil man wieder merkt und sich dessen bewusst wird, wie klein der Mensch in der weiten Natur doch eigentlich ist und man erfährt dadurch wieder mal ein heilsames Maß an Demut.

Welche Augenblicke werden Dir besonders in Erinnerung bleiben?

Neben den profanen Dingen wie der Freude über eine gescheite Brotzeit oder eine warme Dusche, fand ich die Überschreitung der Grenze von Österreich nach Italien mit dem Blick auf den Stausee von Vernagt extrem beeindruckend. Es war zugleich der höchste Punkt auf der Reise und dann sah man dort in der Ferne dieses azurblaue Juwel funkeln und wusste: Dies ist das langersehnte Ziel. Man stand dort oben in der kargen Felslandschaft mit ihren weiten Schneefeldern und durch diesen Anblick mit den starken Farben manifestierten sich sehr direkt der Eindruck und das Gefühl der gesamten Wanderung, in der man ja wirklich von Deutschland über Österreich bis ins (in dem Moment gefühlt) mediterrane Italien wandert.

Was hat Dir nicht so gut gefallen oder was würdest Du beim nächsten Mal bzw. bei einem anderen Trail vielleicht anders machen?

Nichts.


Vielen Dank für das Interview, Christian!

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