„Ich hatte nie Schwierigkeiten, mich zu motivieren!“ – Interview mit Sascha

Ein sehr interessantes Interview durfte ich mit Sascha über seine Alpenüberquerung führen. Er erzählt über seine Faszination und unter anderem auch über die entschleunigende Wirkung. Tausend Dank an Sascha für das tolle Interview und die schönen Bilder. Alle weitere Interviews findet ihr unter Erfahrungsberichte. Ich wünsche viel Spaß beim lesen!

Hallo Sascha, stell dich bitte kurz vor und erzähle uns kurz warum du dich entschlossen hast, die E5 Alpenüberquerung anzutreten?

Ich bin 41 Jahre jung und komme aus dem schönen aber leider sehr „bergarmen“ Stuttgart.

Meine Liebe zu den Bergen habe ich recht spät entdeckt. Wahrscheinlich zieht es mich daher jetzt umso mehr dorthin. Es gibt für mich keinen anderen Ort auf dieser Welt, wo ich so schnell abschalten und zu mir selbst zurückfinden kann. Rein in die Berge, raus aus der Welt! Unbeschreiblich!

Meine Entscheidung, den E5 zu gehen, rührt in erster Linie daher, dass ich schon immer eine derartige Herausforderung angehen wollte. Die Aussicht, für 6 Tage in dieser wunderschönen und einmaligen Natur zu sein, die Nächte inmitten der Alpen zu verbringen und dabei so gut wie keine Zivilisation zu erleben, war eines der Hauptargumente, mich an diese Strecke zu wagen. Der Aspekt, dabei 3 Länder mit all ihren Unterschieden zu begehen, hat dann vielleicht den letzten Ausschlag dazu gegeben.

 

 

Wie hast du dich auf die Wanderung vorbereitet, welche Etappeneinteilung hast du gewählt und mit wem bist du gewandert?

Wie eben schon erwähnt, mangelt es in Stuttgart leider an nennenswerten Bergen. Dafür haben wir mit unserer Kessellage aber rundherum einige Weinberge, die man „besteigen“ kann. So oft es zeitlich machbar war, habe ich meinen Rucksack vollbeladen, auf den Rücken gepackt und bin in den Weinbergen einige Touren gelaufen.

Die Knochen, Muskeln und Sehnen wissen ja nicht, dass es Weinberge und nicht die Alpen sind.

Da meine Schwachstelle meine Knie sind bzw. waren, die auf solch einer Wanderung einer doch recht großen Belastung ausgesetzt sind, habe ich ca. ein halbes Jahr vor dem Start, den Fokus im Training auf die Stabilisierung der Kniemuskulatur gelegt. Vermutlich habe ich es dieser Maßnahme zu verdanken, dass ich auf der gesamten Tour nicht im Ansatz Schwierigkeiten mit meinen Knien hatte.

Als Etappeneinteilung habe ich weitestgehend die prominente Einteilung gewählt, wie sie wahrscheinlich von 90% der Alpenüberquerer gegangen wird. Mit dem einzigen Ausreißer, dass ich am zweiten Tag nicht auf die Memminger Hütte, sondern zum Württemberger Haus gegangen bin. Anlass dazu war, dass bei der Buchung die Memminger Hütte schon ausgebucht war. Im Nachhinein bin ich dafür sehr dankbar. Das Württemberger Haus war ein absolutes Highlight. Ich kann nur jedem einen Besuch auf dieser einfachen, wunderschönen und sehr ursprünglichen Hütte empfehlen. Nicht nur aber auch wegen der Naturdusche.

Ich habe bei der Planung der Tour nach jemandem gesucht, der mit mir den Weg gehen möchte. Da mein näheres Umfeld wenig bergbegeisterte Freunde hergegeben hat, bin ich die Tour am Ende doch komplett alleine gelaufen. Was definitiv seine Vorteile hatte. Ich war nur für mich selbst verantwortlich und konnte so zu jederzeit mein eigenes Tempo gehen. Mich einer geführten Tour anzuschließen, war daher zu keiner Zeit eine Option für mich.

 

Was waren für dich Tiefpunkt während der Wanderung? Hattest du Probleme, jeden Tag wieder neue Motivation zu finden?

Auch wenn ich mich noch so anstrenge, ich kann wirklich keinen einzigen Moment auf der ganzen Tour für mich ausmachen, den ich als einen Tiefpunkt bezeichnen würde. Einzig vielleicht der Umstand, dass ich mir am dritten Tag wohl den Magen verdorben habe. Schon am Morgen des vierten Tages, war einiges an Disziplin nötig, mein Frühstück auch bei mir zu behalten. Die folgende, doch recht knackige Tour mit dem Abstieg nach Wenns über den Panoramaweg und dem anstrengenden Aufstieg zur Braunschweiger-Hütte, bei Temperaturen um die 35 Grad, war nicht ganz ohne. Ich glaube, ich habe mich selten so erledigt gefühlt, wie an diesem Abend.
Zuhause würde man wohl einfach einen Tag auf dem Sofa verbringen. Auf dem E5 ist das logischerweise erstmal keine Option. Schon gar nicht nur deswegen, weil man ein wenig eine Magenverstimmung hat.

Ich hatte nie Schwierigkeiten, mich zu motivieren. Durch mein Krafttraining, das ich fünfmal die Woche betreibe, bin ich körperliche Anstrengung gewohnt. Den Rest an notwendiger Motivation, gab mir die atemberaubende Landschaft um mich herum. Jeden Morgen aufs Neue!

 

Was waren hingegen deine Highlights der Tour?

Da gibt es im Gegensatz zu Tiefpunkten, schon einige.

Die komplette Tour war ein einziges Highlight. Vom ersten bis zum letzten Tag und vom ersten bis zum letzten Schritt.

Wenn ich aber etwas herausheben soll, dann sind das folgende Dinge:

– Auf jeden Fall die Tour zum Württemberger Haus. Diese Hütte liegt so unglaublich traumhaft in den Lechtaler Alpen, dass wirklich jede noch so kleine Herausforderung, dorthin zu kommen, jede Mühe wert ist. Der Aufstieg ab dem Madautal ist wunderschön mit seiner Vegetation und allem, was einem auf dem Weg begegnet. Auch der kleine Klettersteig über das Leiterjöchl, war zu dieser Zeit für mich als ungeübter Kletterer eine schöne Erfahrung. Ich würde jedem raten, die Memminger Hütte auszulassen und dafür das Württemberger Haus als Ziel der zweiten Etappe zu wählen.

– Ein weiteres Highlight war für mich die Landschaft bei der Martin-Busch-Hütte, das tiefe Tal mit seinen umliegenden Hängen und Gletschern, dazu die tosenden Gletscher-Wasserfälle, die die ganze Umgebung in ein permanentes Rauschen einhüllen, waren für mich absolut beeindruckend. Ich werde nie vergessen, wie ich mich am Abend an das kleine Schild mit dem Hinweis „Hier letztmaliger Handyempfang“ gesetzt habe und die Tour so kurz vor Ende noch einmal Revue passieren lassen habe. Ein absolut prägendes Erlebnis!

 

Im heutigen Alltag sind wir mittlerweile alle andauernd durch Internet und anderen Medien einer Reizüberflutung ausgesetzt. Oft hört man von der entschleunigenden Wirkung, welche solch eine Mehrtagestour einem gibt, da man meist kein Mobilnetz hat und sich einmal einfach nur auf das Wichtigste konzentrieren kann, nämlich das Etappenziel zu erreichen. Kannst du diese Aussage für dich persönlich bestätigen?

Das kann ich absolut bestätigen. Ich kann auch einen entspannten Urlaub am Meer buchen. Nach 2-3 Tagen fühle ich mich auch dort angekommen und kann loslassen. Bei den Bergen ist das ganz anders. Eben durch genau diese fehlende Reizüberflutung, ist das bei mir, als würde man einen Schalter umlegen. Zack. Entschleunigung! Das Ding ist ja, dass einem das erst bewusst wird, wenn man einmal diese ganzen störenden Alltagsgeräusche nicht mehr um sich hat. Man gewöhnt sich so sehr an den ständig präsenten Alltagslärm, dass man ihn irgendwann komplett ausblendet. Zumindest offensichtlich nimmt man ihn gar nicht mehr wirklich wahr. Wie sehr er uns aber unterbewusst belastet, davon bekommt man eine Ahnung, wenn er einmal ganz verschwunden ist. Und das geht für mich nirgendwo besser, als in den Bergen.
Die Berge sind nicht nur ein Erlebnis, welches man so nirgends anders bekommt. Sie sind auch ein Arzt und unheimlich wertvoll, für das innere Seelenheil.

 

Welche Tipps für die Alpenüberquerung würdest du den Lesern geben?

Da gibt es sicher einige Tipps, die hilfreich sein können, dass man die Tour auch in vollem Umfang genießen kann.

Der E5 ist jetzt nicht unbedingt eine Strecke, die sich nur Mittzwanziger zutrauen können. Auf der anderen Seite ist es aber auch nicht ratsam, „aus der kalten Hose“ heraus zu starten. Ich habe einige „Mitläufer“ erlebt, die abgebrochen haben, weil ihnen die Kraft ausgegangen war. Selbst am vorletzten Tag in Vent, obwohl dann nicht mehr wirklich viel Kraft benötigt wurde bis zum Ziel in Vernagt.

Ebenso sollte man seinen Körper kennen und evtl. Schwachstellen frühzeitig trainieren oder stabilisieren.

Auch wenn es für manche vielleicht unwichtig erscheinen mag, sollte man jedes Gramm bedenken, das man in seinem Rucksack mit sich herumschleppt. Man sollte von allem nur das Nötigste einpacken. Schwerer wird der Rucksack von Kilometer zu Kilometer schon ganz alleine.

Liest man im Internet Berichte über den E5, stößt man unweigerlich immer wieder auf den Hinweis, dass dieser Weg in der Zwischenzeit total überlaufen ist.

Das mag stimmen, ja. Aber aus genau diesem Grund habe ich vorher geschaut, wann die Bergschulen für gewöhnlich loslaufen und habe daher mit einem Dienstag einen Start-Tag gewählt, der antizyklisch zu den geführten Touren verläuft. Wenn man am Morgen noch recht früh losgeht und nicht beim Frühstück sitzt, bis die Teller abgeräumt werden, hat man einen Großteil der Strecke für sich alleine. Natürlich nicht ständig, aber das ist auch gut so. Man hat einen ähnlichen Rhythmus, wie alle Anderen – trifft sich jeden Abend auf den Hütten, mal auf dem Weg, geht ein Stück zusammen, läuft dann wieder alleine weiter. Für mich war das die perfekte Mischung!

 

Du hast mir bereits mitgeteilt, dass du im kommenden Sommer erneut eine Alpenüberquerung auf dem E5 planst. Was ist für dich der Anreiz den gleichen Weg nochmals zu gehen?

 

Zum einen, finde ich, ist der E5 kein Kinofilm, der beim zweiten Mal langweilig wird, weil man die Handlung schon kennt. Die Natur ist nicht beständig und daher freue ich mich jetzt schon, auf die landschaftlichen Unterschiede, zu meiner Tour im August 2017. Erst recht nach diesem knackigen Winter, in dem wir uns gerade befinden. Da wird es sicher einiges zu entdecken geben.

Wie oben schon erwähnt, bin ich die Tour in 2017 alleine gelaufen. Wenn man überhaupt etwas finden kann, was negativ einzuordnen ist, dann, dass man pausenlos in einer der atemberaubendsten Landschaften unterwegs ist aber ständig auf seine Schuhe schauen muss, um keinen Freiflug und eine Gedenktafel am Berg zu erhalten. Und zum anderen, dass ich dieses prägende und wunderschöne Erlebnis mit niemandem teilen konnte.
Den Umstand, seine Füße aus dem Blick zu lassen, kann man nicht ändern. Den, alleine zu laufen, dagegen schon.
Vor einigen Wochen bin ich nun einer lieben Freundin aus Kindertagen wieder über den Weg gelaufen, die diese Tour eh schon lange angehen wollte. Da mussten wir nicht lange überlegen und haben schon Ende Dezember alles fix gebucht. Natürlich wieder mit dem Württemberger Haus.

Zusätzlich zum Ausreißer Württemberger Haus, werden wir im kommenden Sommer auch noch einen Halt auf der Similaunhütte einlegen. Also am 6. Tag von der Martin-Busch-Hütte nicht direkt vorbei an der Similaunhütte und runter nach Vernagt, sondern hoch auf den Gletscher auf 3606 Meter. Danach verbringen wir eine weitere Nacht auf dieser wunderschönen Hütte und steigen erst an Tag 7 zum Stausee ab. Das wird ein echtes Highlight auf der kommenden Tour, das diesen eh schon sehr schönen Weg noch ein ganzes Stück reizvoller machen wird.

Wir freuen uns beide schon jetzt auf die Tour, wie kleine Kinder vor dem Weihnachtsabend!

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